Man erzählt sich, dass es ihn schon gab bevor es einen Namen für ihn gab.
Er stand auf den Hügeln als die ersten Menschen in die Täler zogen und Feuer machten und Götter erfanden die ihnen ähnlich sahen — mit Gesichtern, mit Stimmen, mit Launen und Versprechen und der Neigung zu Zorn wenn man sie vergaß. Er schaute zu. Er hatte Zeit. Er hatte immer Zeit gehabt, und er würde sie weiter haben, weil Dinge die vor allem anderen da waren auch nach allem anderen noch da sind.
Die Menschen bemerkten ihn irgendwann.
Zuerst in den Träumen, dann in den Geschichten die man sich erzählte wenn das Feuer kleiner wurde und die Nacht größer. Er war nicht böse in diesen Geschichten — er war einfach da, auf den Hügeln, mit seinen Hörnern und seinem Blick, ein Wesen das zu den Rändern gehörte wo die Ordnung aufhörte und etwas anderes anfing.
Dann kamen die Kirchen.
Und mit den Kirchen kam die Notwendigkeit, alles was nicht zur neuen Ordnung gehörte irgendwo unterzubringen. Ein Name war nötig, ein Gesicht, eine Funktion. Man nahm seine Hörner und seine Hufe und seinen Blick der zu viel sah und machte daraus den Feind — nicht weil er es war, sondern weil jede Ordnung einen Feind braucht um sich selbst zu erklären.
Er ließ es geschehen.
Die Messen wurden gehalten. Nicht in den Kathedralen — in den Kellern darunter, in den Wäldern dahinter, in den Räumen die keine offizielle Adresse hatten aber die jeder kannte der suchen wollte. Die Kerzen brannten verkehrt herum. Die Gebete gingen in die andere Richtung. Und auf dem Altar lag ein Schädel, still und geduldig, mit dem Blick eines Wesens das schon alles gesehen hatte und trotzdem noch einmal hinschaute.
Weil es interessant blieb.
Weil Menschen interessant sind, wenn sie glauben, und noch interessanter, wenn sie sich für die Einzigen halten, die es tun.
Er stand noch auf den Hügeln die ganze Zeit. Während unten die Kathedralen wuchsen und die Namen gewechselt wurden und die Verbote geschrieben und wieder vergessen wurden. Er richtete nicht. Er forderte nichts. Er war einfach da, wie er immer da gewesen war, und das allein war genug um gefürchtet zu werden.
Denn nichts ist bedrohlicher als etwas das keine Erklärung braucht.
Und es wurde geschrieben:
„Sie nannten ihn den Feind, damit ihre Ordnung heilig erschien.
Doch wenn ihre Götter längst verstummt sind, wird der Gehörnte noch immer auf den Hügeln stehen.“
Seitdem gilt:
Was vor dem Glauben war, wird ihn überleben.