

SPOOKY SEASON 2026
„Die letzten Lichter brennen für die Toten.“
Ein Jahr ohne Heilige.
Das Coven Jahresrad folgt keinem göttlichen Kalender. Neunzehn Feste markieren den Zyklus, und jedes davon führt uns tiefer in eine Welt, die unter der bekannten schon immer weiterbestanden hat.
Der Kreis ist durch Feuer gezogen, über alte Schlachtfelder, hinab in Pestgruben und hinein in Wälder, in denen gehörnte Gestalten länger verehrt wurden, als irgendein Priester zugeben würde. Aus einzelnen Ritualen ist ein eigener Kalender geworden. Seine Zeichen kehren wieder, Geschichten greifen ineinander und selbst dort, wo längst nichts mehr geschehen sollte, bleiben Spuren zurück.
Nun wird das Jahr stiller.
Die Felder sind abgeerntet. Das letzte warme Licht verschwindet früher hinter den Bäumen, und mit jedem Abend gewinnt die Dunkelheit ein Stück Land zurück. Die Zeit der offenen Feuer endet. Was draußen wartet, braucht keine langen Nächte mehr, um sich ungesehen zu bewegen.
Spooky Season ist der Punkt im Jahresrad, an dem wir den Blick nicht länger nach vorn richten.
Wir sehen zurück.
Zu den alten Ernten, den verlassenen Häusern und den Namen, die nur noch selten ausgesprochen werden. Zu einer Nacht, in der die Lebenden ihre Gesichter verbargen und für die Toten einen Platz am Tisch freihielten. Nicht aus Ehrfurcht, sondern weil niemand sicher sagen konnte, wer sonst vor der Tür stehen würde.
Was heute als Verkleidung getragen und in warmes Licht gehüllt wird, war einmal eine Abmachung mit der dunklen Hälfte des Jahres.
Wir haben sie nicht vergessen.
WELCOME TO THE ERA OF BLOOD AND SILENCE.
Das Fest der dunklen Hälfte im Coven Jahresrad.
Bevor Halloween einen Namen bekam, bevor aus alten Bräuchen Dekoration wurde und aus Furcht ein Geschäft, endete mit der letzten Ernte eine Ordnung, auf die man sich den ganzen Sommer verlassen hatte.
Die Vorräte waren eingebracht. Das Vieh wurde von den abgelegenen Weiden geholt, und auf den Feldern blieben nur abgeschnittene Halme zurück. Was nun begann, gehörte nicht mehr den Menschen allein.
In dieser Nacht, so glaubte man, verloren die Grenzen der Welt ihre Verlässlichkeit. Die Toten kehrten nicht aus einem fernen Jenseits zurück. Sie traten aus den Wäldern, standen an bekannten Wegen oder saßen plötzlich wieder an Plätzen, die seit Jahren leer geblieben waren.
Man entzündete Feuer, um ihnen den Weg zu zeigen.
Man stellte Essen vor die Tür und ließ einen Stuhl am Tisch frei. Masken verbargen die Gesichter der Lebenden, damit rastlose Geister sie nicht erkannten oder mit sich nahmen. Aus den letzten Früchten der Ernte wurden Laternen geschnitten. Ihre Fratzen sollten nicht einfach abschrecken. Sie zeigten, wo ein Haus begann, wem es gehörte und welche Namen dort noch erinnert wurden.
Das Licht war keine Waffe gegen die Dunkelheit.
Es war ein Zeichen innerhalb von ihr.
Spooky Season führt diese Nacht zurück in das Coven Jahresrad. Nicht als historische Nachstellung und nicht als Fest der harmlosen Geister. Wir feiern den Moment, in dem die dunkle Hälfte des Jahres ihre Hand ausstreckt und die Lebenden für einige Stunden aufhören, so zu tun, als wären sie allein.
Die Laternen brennen wieder.
Die Masken werden angelegt, bevor der Nebel kommt. An den Tischen bleiben Plätze frei, auch wenn niemand damit rechnet, dass sich jemand setzen wird. Und draußen auf den Feldern bewegen sich Lichter, die am Abend noch nicht dort standen.
Vielleicht sind es nur Wanderer.
Vielleicht sind es Menschen, die den Heimweg suchen.
Doch wer in dieser Nacht seinen Namen aus der Dunkelheit hört, sollte nicht antworten.
Willkommen zur Spooky Season.
Die Schatten sind älter als dein Licht.
Niemand wusste mehr, wer die erste Laterne aufgestellt hatte.
Die Menschen von Hainried behaupteten, der Brauch sei älter als das Dorf selbst. Schon ihre Großeltern hätten die ausgehöhlten Früchte vor den Türen gesehen, und deren Großeltern wiederum hätten gesagt, sie seien bereits dort gewesen, als die ersten Häuser gebaut wurden.
Hainried lag tief zwischen bewaldeten Hügeln. Im Sommer war der Boden fruchtbar und dunkel. Im Herbst zog der Nebel vom Fluss herauf und blieb manchmal tagelang zwischen den Häusern stehen.
Man konnte dann von einem Ende des Dorfes das andere nicht mehr sehen.
Am letzten Tag der Ernte stellte jede Familie eine Laterne vor ihr Haus.
Die Frucht wurde ausgehöhlt, ein Gesicht hineingeschnitten und eine kleine Flamme in ihr Inneres gesetzt. Manche Fratzen grinsten. Andere blickten traurig oder hatten nur zwei einfache Löcher, durch die das Feuer nach draußen fiel.
Jede Laterne gehörte einem Namen.
Man schnitt das Gesicht eines Menschen hinein, der im vergangenen Jahr gestorben war, und stellte ihm einen Becher auf die Schwelle. War niemand aus der Familie gestorben, trug die Laterne das Gesicht eines Vorfahren, an den sich noch jemand erinnerte.
Eine weitere Laterne stand am nördlichen Weg.
Sie hatte kein Gesicht.
Sie war für jene bestimmt, deren Namen niemand mehr kannte.
Nach Einbruch der Dunkelheit legten die Bewohner Masken an. Niemand ging mit seinem eigenen Gesicht auf die Straße. Kinder trugen einfache Holzstücke vor den Augen, alte Frauen banden sich bemalte Tücher um den Kopf, und selbst die Männer, die den Brauch tagsüber verspotteten, verließen ihre Häuser erst, nachdem sie ihr Gesicht verborgen hatten.
Die Masken sollten die Toten verwirren.
Denn nicht jeder, der zurückkam, fand die richtige Tür.
Und nicht jeder erinnerte sich noch an sein eigenes Gesicht.
In dem Jahr, in dem Herr Konrad von Schwarztann das Tal übernahm, fiel die Ernte schlecht aus.
Der Sommer war zu trocken gewesen. Das Korn blieb niedrig, mehrere Brunnen versiegten und im Spätsommer fraß sich eine Krankheit durch die Schweineställe. Trotzdem verlangte Konrad dieselben Abgaben wie in den Jahren zuvor.
Er besaß das Land erst seit wenigen Monaten.
Ein entfernter Fürst hatte ihm Hainried übertragen, weil Konrad ihm im Krieg Männer, Wagen und mehr Geld versprochen hatte, als er tatsächlich besaß. Nun musste das Dorf liefern, was in seinen Speichern fehlte.
Konrad wohnte im alten Herrenhaus oberhalb des Flusses. Es war kein Schloss, auch wenn er darauf bestand, es so zu nennen. Das Dach war an mehreren Stellen undicht, die Mauern feucht und das Wappen über dem Eingang so frisch bemalt, dass bei Regen noch schwarze Farbe daran hinablief.
Er brachte zwölf Bewaffnete mit.
Dazu einen Schreiber namens Jost Karg, der für jedes Haus notierte, wie viel Korn, Vieh und Öl noch zu holen war. Jost führte seine Bücher sauber und ohne Zorn. Er musste niemanden schlagen. Er schrieb nur auf, wer geschlagen werden sollte.
Als die Dorfbewohner erklärten, dass am Abend der letzten Ernte ein Teil des Öls für die Laternen gebraucht werde, glaubte Konrad zunächst, man mache sich über ihn lustig.
„Ihr verbrennt mein Öl in ausgehöhltem Gemüse?“
Der Dorfälteste sagte, es sei nicht sein Öl.
Konrad ließ ihn noch am selben Tag an den Pfosten vor dem Speicher binden.
Er blieb dort bis zum Abend.
Jeder Bewohner, der Getreide ablieferte, musste an ihm vorbeigehen. Der Alte sprach mit niemandem. Erst als Konrad selbst erschien, hob er den Kopf.
„Heute Nacht gehören die Wege nicht Euch.“
Konrad sah zu den ersten Nebelschwaden, die bereits zwischen den Häusern standen.
Dann lachte er.
Er ließ sämtliche Laternen einsammeln.
Seine Männer gingen von Haus zu Haus, traten gegen Türen und nahmen alles mit, was bereits vorbereitet worden war. Einige Früchte trugen nur grob eingeschnittene Fratzen. Andere waren mit großer Sorgfalt gearbeitet. Auf einer erkannte ein Soldat das Gesicht eines kleinen Mädchens.
Er hob sie an den Haaren aus getrocknetem Stroh hoch und fragte die Mutter, ob das Kind wenigstens hübscher gewesen sei als sein Abbild.
Die Frau antwortete nicht.
Alle Laternen wurden zum Herrenhaus gebracht.
Konrad wollte den Brauch für sein eigenes Fest benutzen. Er ließ die Früchte im Saal, auf den Treppen und entlang des Hofes aufstellen. Mehr als hundert Gesichter blickten schließlich aus dem flackernden Licht.
„Seht“, sagte er zu seinen Männern. „Jetzt wissen die Toten wenigstens, wer hier der Herr ist.“
Jost schlug vor, auch die Masken einzusammeln.
Wenn die Bauern sich in dieser Nacht ohnehin nicht aus ihren Häusern wagten, könne man sie im kommenden Jahr an Händler verkaufen. Einige waren alt und kunstvoll geschnitzt. Andere bestanden aus Fell, Leder oder bemaltem Holz.
Noch vor Sonnenuntergang nahmen Konrads Männer auch sie mit.
Im Herrenhaus verteilten sie die Masken untereinander. Ein Soldat setzte sich das Gesicht einer alten Frau auf. Ein anderer trug einen schwarzen Tierkopf, dessen Hörner an den Spitzen abgebrochen waren. Jost fand eine glatte weiße Maske ohne Mund und legte sie vorerst neben sein Rechnungsbuch.
Konrad selbst wählte die größte.
Sie zeigte ein breites, lachendes Gesicht mit schiefen Zähnen. Auf der Stirn standen zwei hölzerne Auswüchse, die Hörner oder abgestorbene Äste darstellen konnten.
Bei Einbruch der Dunkelheit begann das Fest.
Das Öl der Dorfbewohner brannte in den Laternen. Auf den Tischen stand das Fleisch aus ihren Ställen, dazu Brot aus dem letzten Korn und Wein, den Konrad aus einem Nachbartal hatte liefern lassen, obwohl mehrere seiner Männer noch nicht bezahlt worden waren.
Draußen verschwand Hainried im Nebel.
In den Häusern saßen die Bewohner ohne Masken und ohne Licht.
Sie sprachen leise. Einige stellten dennoch einen Becher auf die Schwelle. Andere saßen im Dunkeln an gedeckten Tischen, auf denen ein Platz leer blieb.
Nur die Laterne am nördlichen Weg brannte noch.
Konrads Männer hatten sie übersehen.
Vielleicht hatten sie sie nicht gesehen.
Vielleicht hatten sie sich nicht getraut, eine Laterne ohne Gesicht anzufassen.
Im Herrenhaus wurde getrunken.
Die Soldaten tanzten mit den gestohlenen Masken, riefen die Namen von Dorfbewohnern und ahmten ihre Stimmen nach. Einer stellte sich vor eine Laterne, die das Gesicht eines alten Mannes trug, und fragte, ob er mit seinem neuen Aussehen zufrieden sei.
Die Flamme im Inneren erlosch.
Kurz darauf ging ein zweites Licht aus.
Dann ein drittes.
Jost bemerkte es zuerst.
Er stand am Rand des Saales und versuchte, die noch ausstehenden Abgaben zusammenzurechnen. Jedes Mal, wenn eine Laterne erlosch, hob er den Kopf.
„Das Öl ist schlecht“, sagte Konrad.
Doch die Lampen auf den Tischen brannten weiter.
Nur die Gesichter wurden dunkel.
Gegen Mitternacht klopfte es an der Tür.
Die Männer verstummten.
Das Geräusch war nicht laut. Dreimal Holz gegen Holz, langsam und ohne Eile.
Konrad winkte einem Soldaten zu.
Der Mann trug noch immer die Maske der alten Frau. Er öffnete die Tür und sah hinaus.
Vor ihm stand niemand.
Der Hof war leer. Die Laternen entlang der Mauer brannten noch, doch hinter ihnen begann der Nebel wie eine geschlossene Wand.
Der Soldat wollte die Tür wieder schließen.
Da klopfte es am Fenster hinter ihm.
Drei Schläge.
Anschließend am nächsten.
Dann an allen Fenstern des Saales gleichzeitig.
Die Männer zogen ihre Waffen.
Konrad riss die Tür ganz auf und trat in den Hof.
„Wer dort draußen ist, zeigt sich!“
Etwas antwortete aus dem Nebel.
Es war keine Stimme, die Konrad kannte.
Trotzdem sprach sie seinen Namen.
Nicht seinen Titel. Nicht „Herr von Schwarztann“.
Nur Konrad.
Er ging einen Schritt zurück.
Der Dorfälteste hatte ihm gesagt, dass die Wege in dieser Nacht nicht ihm gehörten. Er hatte nicht gesagt, wer sie stattdessen nahm.
Im Nebel erschien ein Licht.
Es bewegte sich langsam auf das Herrenhaus zu. Dann folgte ein zweites, weiter links ein drittes. Bald standen überall kleine Flammen zwischen den Bäumen.
Mehr, als Konrad im Dorf hatte einsammeln lassen.
Die Lichter kamen näher.
Unter jedem von ihnen zeichnete sich eine Gestalt ab.
Manche waren groß. Andere gingen gebückt. Einige bewegten sich so langsam, als müssten sie sich nach jedem Schritt daran erinnern, wie ein Körper benutzt wurde.
Keines ihrer Gesichter war zu sehen.
Konrads Männer wichen in den Saal zurück.
Jost schloss die Tür und legte den Balken vor. Seine Hände zitterten. Als er sich umdrehte, trug jeder Soldat noch immer eine fremde Maske.
Nur er selbst hatte sein Gesicht nicht bedeckt.
Aus dem oberen Stockwerk erklang ein Schritt.
Dann noch einer.
Jemand ging über die Flure, obwohl sich alle Bewohner des Hauses im Saal befanden.
Die erste Gestalt erschien auf der Treppe.
Es war ein kleines Mädchen.
Ihr Kleid war nass und mit Erde beschmiert. Wo ihr Gesicht hätte sein müssen, lag nur eine glatte dunkle Fläche.
Auf der untersten Stufe blieb sie stehen.
Dann drehte sie den Kopf zu jener Laterne, in die ihre Mutter am Nachmittag ihr Gesicht geschnitten hatte.
Das Feuer darin flackerte auf.
Zum ersten Mal sahen die Männer die Ähnlichkeit.
Die eingeschnittenen Augen. Das schmale Kinn. Die Haare aus Stroh.
Das Mädchen hob beide Hände.
Die Laterne bewegte sich.
Zunächst nur ein wenig. Dann rutschte sie über den Boden, als würde sie von unsichtbaren Fingern gezogen. Sie kam vor dem Kind zum Stehen.
Das Mädchen beugte sich hinab und nahm sein Gesicht an sich.
Die Frucht brach nicht.
Das geschnitzte Antlitz löste sich aus ihr wie eine dünne Haut.
Als das Kind sich wieder aufrichtete, trug es das Gesicht, das seine Mutter für sie geschaffen hatte.
Es blickte in den Saal.
„Das ist nicht unser Haus“, sagte es.
Hinter ihr erschienen weitere Gestalten auf der Treppe.
Alte Männer, Frauen, Kinder und Menschen, deren Kleidung aus Zeiten stammte, an die sich niemand in Hainried mehr erinnerte. Einer nach dem anderen fanden sie die Laternen mit ihren Gesichtern.
Einige erkannten sich sofort.
Andere gingen lange durch den Saal und betrachteten jede Fratze, als hätten sie vergessen, wonach sie suchten.
Die Soldaten drängten sich an die Wände.
Ein Mann versuchte, seine Maske abzunehmen.
Sie ließ sich nicht mehr lösen.
Er zog daran, bis das Holz knackte, doch darunter kam keine Haut zum Vorschein. Die Maske saß nicht auf seinem Gesicht.
Sie war sein Gesicht geworden.
Auch die anderen begannen, an ihren Verkleidungen zu reißen.
Der Mann mit dem Tierkopf schrie, als die abgebrochenen Hörner langsam aus seiner Stirn weiterwuchsen. Der Soldat mit dem Gesicht der alten Frau schlug mit beiden Händen auf seine Wangen, während aus seinem Mund eine Stimme sprach, die nicht seine war.
Sie rief nach einem Sohn, der seit vierzig Jahren tot sein musste.
Jost griff nach der weißen Maske auf dem Tisch.
Er wusste nicht, warum.
Vielleicht weil er als Einziger noch unbedeckt war. Vielleicht weil die Gestalten im Saal nun zu ihm sahen.
Er setzte sie auf.
Die Maske hatte keinen Mund.
Als er um Hilfe rufen wollte, kam kein Laut mehr aus ihm.
Konrad stand vor dem Kamin.
Seine lachende Maske war fest mit seinem Gesicht verwachsen. Die schiefen Zähne bewegten sich, auch wenn er den Mund geschlossen hielt.
„Ich bin der Herr dieses Landes“, sagte er.
Die Stimme klang nicht mehr wie seine.
Aus der Menge der Toten trat der Dorfälteste.
Nicht der Mann, den Konrad am Speicher hatte festbinden lassen. Dieser saß noch immer lebend in einem der Häuser unterhalb des Hügels.
Der Tote war älter. Er trug dieselben Augen und dieselbe gebeugte Haltung, doch seine Kleidung bestand aus grobem Stoff, wie ihn seit Generationen niemand mehr herstellte.
Er blieb vor Konrad stehen.
„Das Land kennt dich nicht.“
Konrad zog sein Schwert.
Die Klinge glitt aus der Scheide, doch wo das Metall das Licht der Laternen berührte, begann es schwarz zu werden. Rost lief darüber, erst in kleinen Flecken, dann so schnell, dass Stücke aus der Schneide brachen und auf den Boden fielen.
Konrad ließ die Waffe fallen.
Er rannte zur Hintertür.
Dahinter lag nicht der Hof.
Er blickte auf den Eingang des Saales.
Auf der anderen Seite des Raumes stand er selbst, die Hand noch am Türgriff.
Er versuchte es erneut.
Wieder trat er durch dieselbe Tür zurück in den Saal.
Beim dritten Versuch erwartete ihn auf der anderen Seite die Laterne ohne Gesicht.
Sie stand mitten auf dem Weg.
Ihre Flamme brannte ruhig. In die leere Oberfläche zeichnete sich langsam eine Linie. Dann eine zweite.
Zwei Augen entstanden.
Darunter ein breiter lachender Mund mit schiefen Zähnen.
Konrad berührte die Maske auf seinem Gesicht.
Sie war verschwunden.
Die Laterne trug nun sein Antlitz.
Und dort, wo zuvor sein eigenes gewesen war, blieb nichts zurück.
Am Morgen fanden die Bewohner das Herrenhaus verlassen.
Die Türen standen offen. In den Kaminen lag kalte Asche, obwohl die Feuer am Abend noch hoch gebrannt hatten. Auf den Tischen standen volle Becher und Teller mit Speisen, die innerhalb einer einzigen Nacht verfault waren.
Von Konrad, Jost und den Soldaten fehlte jede Spur.
Im Saal lagen die Masken ordentlich nebeneinander.
Keine davon sah noch so aus wie am Vortag.
Sie trugen nun die Gesichter der Männer, die sie gestohlen hatten.
Die Bewohner nahmen ihre Laternen und brachten sie zurück zu den Häusern. Viele waren leer. Die eingeschnittenen Fratzen waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
Nur eine stand noch im Herrenhaus.
Sie zeigte Konrads lachendes Gesicht.
Der Dorfälteste trug sie zum nördlichen Weg und stellte sie neben die gesichtslose Laterne. Dort brannte sie drei Tage lang, obwohl niemand Öl nachfüllte.
In der dritten Nacht verschwand sie.
Mit ihr verschwanden sämtliche Urkunden, durch die Konrad das Tal zugesprochen worden war. Der Fürst schickte später einen neuen Verwalter, doch dessen Pferd weigerte sich, den nördlichen Weg zu betreten. Als der Mann es mit der Peitsche zwang, warf es ihn ab und lief zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Der Verwalter folgte ihm zu Fuß.
Hainried erhielt nie wieder einen Herrn.
Die Bewohner stellten auch in den folgenden Jahren ihre Laternen auf. Sie hielten Plätze für die Toten frei und verbargen ihre Gesichter, sobald der Nebel vom Fluss heraufstieg.
Doch seither schnitten sie eine zusätzliche Fratze.
Sie gehörte keinem Verstorbenen und keinem Vorfahren.
Sie war für jene bestimmt, die versuchten, sich die Namen, die Ernte oder die Gesichter anderer Menschen anzueignen.
Diese Laterne wurde stets am nördlichen Weg aufgestellt.
Manchmal war sie am Morgen verschwunden.
Manchmal trug sie plötzlich ein Gesicht.
Und seitdem gilt in Hainried:
DIE TOTEN VERGESSEN KEIN GESICHT.
DER TOD VERGISST KEINE SCHULD.
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