Man erzählt sich, dass es einst einen Sommer gab, der nicht enden wollte.
Die Sonne hing tagelang über den Hügeln, als hätte sie vergessen unterzugehen. Die Felder standen höher als ein Mann, die Flüsse führten warmes Wasser, und selbst nachts lag noch Licht über den Wäldern.
Die Menschen hielten es zuerst für einen Segen.
Die Ernten wurden größer als je zuvor, die Tiere fett, die Feuer auf den Dorfplätzen brannten ohne Unterlass. Überall wurde getrunken, getanzt und gefeiert, als hätte der Sommer selbst beschlossen, für immer zu bleiben.
Und mitten unter ihnen erschien irgendwann der Sommerkönig.
Niemand wusste, woher er gekommen war. Manche behaupteten, er sei eines Nachts aus dem Wald getreten, andere sagten, man habe ihn plötzlich zwischen den Tänzern gesehen, still, unbewegt, mit einem Kranz aus verwelkenden Blüten um den Kopf.
Doch jeder erinnerte sich an dasselbe Gefühl, sobald er in seiner Nähe stand:
dass etwas an diesem Sommer zu vollkommen geworden war.
Der Sommerkönig sprach nur selten.
Wenn er über die Felder ging, folgten ihm die Menschen trotzdem, als würden sie hoffen, in seiner Nähe bliebe alles noch ein wenig länger hell. Hinter ihm trugen sie Kreuze aus Birkenholz, geschmückt mit Blumen, Bändern und Kräutern, und stellten sie zwischen die Felder, obwohl niemand mehr genau wusste, warum man es einst begonnen hatte.
Mit der Zeit wurde die Luft süßer.
Zu süß.
Die Blumen auf den Kränzen begannen dunkel zu werden, noch bevor sie vertrockneten. Das Korn stand schwer und unbewegt im Wind, und aus manchen Brunnen kam Wasser, das nach Erde schmeckte. Trotzdem hörte das Fest nicht auf. Vielleicht gerade deshalb.
Denn niemand wollte der Erste sein, der ausspricht, dass etwas nicht stimmte.
Und so wurde weitergetanzt. Nacht für Nacht. Unter Liedern, die immer langsamer wurden. Unter Girlanden, die längst nach Verfall rochen. Unter einer Sonne, die nicht mehr warm wirkte, sondern reglos über allem hing.
Und der Sommerkönig blieb unter ihnen, als hätte ihn all das niemals überrascht. Er bewegte sich durch die Felder wie jemand, der das Ende eines Liedes bereits kennt, während alle anderen noch tanzen. Man sah ihn an den Feuern stehen, unbewegt zwischen Rauch und Blüten, und je länger der Sommer dauerte, desto weniger erinnerte seine Krone an etwas Feierliches.
Erst viel später begriffen die Menschen, weshalb zwischen den geschmückten Kreuzen plötzlich auch Galgen standen. Anfangs hatte man sie kaum bemerkt. Sie wirkten beinahe wie Teil des Festes, als gehörten sie schon immer dorthin.
Und vielleicht war genau das das Schlimmste daran.
Denn das Licht blieb schön.
Die Nächte blieben warm.
Und trotzdem begann alles langsam zu faulen.
Und es wurde geschrieben:
„Der Sommer stirbt nicht im Winter.
Er stirbt mitten in seiner Blüte.“
Seitdem gilt:
Traue keinem Licht,
das zu lange brennt.