MÄRCHENBLUT

„Es war einmal. Und dann nicht mehr."

Ein Jahr ohne Heilige.

Das Coven Jahresrad folgt keinem göttlichen Kalender. Neunzehn Feste markieren den Zyklus, und jedes davon nimmt etwas Bekanntes, dreht es einmal durch den Dreck und stellt es wieder hin, als wäre nie etwas gewesen.

Neun Feste liegen hinter uns, und das Jahr hat längst aufgehört, sanft zu sein.

Was am Anfang noch wie Umkehrung wirkte, ist inzwischen Methode. Der Kreis dreht sich weiter, und mit jedem weiteren Fest wird klarer was er aus dem macht was er berührt — nicht zerstört, nicht verbessert, nur aufgedeckt. Die Dinge waren schon immer so. Man hat sie nur anders erzählt.

Was andere als Licht feiern, verwandeln wir in Glut und Schatten.

WELCOME TO THE ERA OF BLOOD AND SILENCE.

Das zehnte Fest im Coven Jahresrad.

Märchen wurden nicht erfunden um Kinder zu trösten.

Sie wurden erfunden um Kinder zu warnen — vor dem Wald, vor dem Fremden, vor dem Haus das zu schön aussieht um sicher zu sein, vor der alten Frau die zu freundlich lächelt, vor dem Wolf der zu gut zuhört. Die frühesten Versionen hatten keine Moral. Sie hatten nur ein Ende, und das Ende war meistens dasselbe: wer zu weit geht, kommt nicht zurück.

Irgendwann wurden die Märchen weicher.

Man gab ihnen Helden, Rettung, den erlösenden letzten Moment kurz bevor es zu spät ist. Man gab den Kindern Schlauheit, den Jägern gutes Timing, den Wölfen eine Schwäche. Man baute Ausgänge in Geschichten die keine hatten, weil man glaubte, eine Geschichte ohne Ausgang sei keine Geschichte sondern nur Dunkel.

Beim Märchenblut erzählen wir die Originale.

Nicht die bereinigten, nicht die illustrierten, nicht die mit dem Happy End das sich jeder gewünscht hat. Sondern die Versionen die übrig bleiben wenn man alles weglässt was nur drin ist damit sich jemand besser fühlt. Die Hexe gewinnt. Der Wolf gewinnt. Das Haus im Wald ist eine Falle und es war immer eine Falle und es wird immer eine Falle bleiben, egal wie oft man die Geschichte neu erzählt.

Die Kinder gehen in den Wald.

Sie kommen nicht zurück.

Das ist nicht das Ende der Geschichte. Das ist die Geschichte.

Willkommen zu Märchenblut.

Rotkäppchen

Es war einmal ein Mädchen das alle nur Rotkäppchen nannten, weil es einen roten Umhang trug den es nie ablegte. Nicht im Sommer, nicht wenn die Mutter es bat, nicht wenn die anderen Kinder es auslachten. Der Umhang gehörte ihm so wie manche Dinge zu manchen Menschen gehören — nicht weil man sie sich ausgesucht hat, sondern weil man ohne sie nicht mehr ganz ist.

Eines Morgens schickte die Mutter es zur Großmutter, mit Kuchen und Wein und der Mahnung den Weg nicht zu verlassen. Rotkäppchen versprach es und meinte es auch so, in dem Moment.

Im Wald begegnete ihm der Wolf.

Er war höflich und freundlich und fragte wohin es gehe, und Rotkäppchen antwortete auf alles weil es so gelernt hatte. Der Wolf hörte zu, nickte und verschwand zwischen den Bäumen. Rotkäppchen ging weiter.

Aber irgendwo zwischen den ersten und den letzten Bäumen begann etwas zu ziehen. Tief drinnen, an einem Ort den es nicht benennen konnte aber schon immer gespürt hatte. An langen Nächten. Bei vollem Mond. In Momenten wo der Hunger größer wurde als er hätte sein sollen.

Es verließ den Weg.

Nicht weil jemand es gerufen hatte. Sondern weil etwas in ihm wusste dass es dahin gehörte, in das Dunkel zwischen den Stämmen wo das Licht nicht hinkam. Es lief. Zuerst auf zwei Beinen, dann nicht mehr.

Die Großmutter öffnete die Tür als es klopfte.

Sie sah Rotkäppchen stehen, den roten Umhang ordentlich um die Schultern, den Korb in der Hand. Das Gesicht so wie immer. Nur die Augen anders — zu ruhig, mit einer Stille darin die nicht zu einem Kind gehörte das durch den Wald gelaufen war.

„Komm rein, Liebes", sagte die Großmutter.

Rotkäppchen kam rein.

Es stellte den Korb ab. Zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Und lächelte — nicht das Lächeln eines Kindes das Besuch macht, sondern das andere Lächeln, das es nur kannte wenn der Mond voll war und der Hunger kam.

Die Großmutter wollte etwas sagen.

Sie kam nicht mehr dazu.

Der Jäger kam an diesem Tag nicht durch den Wald. Aber das spielte keine Rolle mehr. Die die später kamen fanden nur ein leeres Haus, ein kaltes Feuer, und auf dem Boden vor dem Bett einen roten Umhang der aufgegeben worden war wie etwas das man nicht mehr braucht.

Draußen im Wald, weit vom Weg, gab es Spuren im Boden die anfingen wie die eines Kindes und irgendwann aufhörten es zu sein.

Und es wurde geschrieben:

„Sie schickten das Mädchen in den Wald.

Der Wolf kam nicht zurück.

Das Mädchen auch nicht."

Seitdem gilt:

Manche Kinder verlassen den Weg nicht weil sie verführt werden.

Sie verlassen ihn weil sie endlich dürfen.

Hänsel und Gretel

Es war einmal ein Holzfäller der lebte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern am Rand eines großen Waldes. Der Junge hieß Hänsel und das Mädchen Gretel, und sie waren noch klein und wussten nicht viel über die Welt, aber sie wussten dass sie ihre Eltern liebten und dass das reichen sollte.

Es reichte nicht.

Eine Hungersnot kam über das Land und das Brot wurde weniger und die Nächte wurden länger, und eines Abends hörten Hänsel und Gretel durch die dünne Wand wie die Mutter zum Vater sagte: Wir können nicht alle vier ernähren. Morgen früh nehmen wir die Kinder mit in den Wald und lassen sie dort.

Der Vater schwieg lange.

Dann sagte er ja.

Hänsel wartete bis die Eltern schliefen, schlich nach draußen und füllte seine Taschen mit weißen Kieselsteinen die im Mondlicht leuchteten. Am nächsten Morgen gingen sie in den Wald, und Hänsel ließ die Steine fallen, einen nach dem anderen, und fand den Weg nach Hause zurück. Die Mutter sagte nichts als sie ankamen. Der Vater auch nicht.

Drei Tage später führten sie sie wieder in den Wald.

Diesmal hatte Hänsel nur Brot in der Tasche, und die Vögel fraßen die Krumen bevor der Abend kam. Sie gingen und gingen und fanden den Weg nicht mehr, und nach zwei Tagen ohne Essen konnten sie kaum noch laufen.

Dann lichtete sich der Wald und sie sahen das Haus.

Es war klein und schief und roch nach Zucker und warmem Holz. Die Wände waren aus Lebkuchen, das Dach aus Honig, und an den Balken hingen Runen aus altem Holz die sich drehten obwohl kein Wind ging. Hänsel brach ein Stück von der Wand und aß. Gretel auch. Sie aßen weil sie seit zwei Tagen nichts gehabt hatten und weil das Haus dort stand als wäre es für sie gebaut worden.

Das war es auch.

„Wer knabbert an meinem Häuschen?" rief eine Stimme.

Die Tür öffnete sich und eine alte Frau trat heraus, klein und krumm, mit Augen die zu hell waren für ihr Gesicht. Sie sprach sanft und lud sie ein und gab ihnen zu essen bis sie satt waren, und legte sie in weiche Betten, und Hänsel und Gretel schliefen ein wie Kinder schlafen die endlich angekommen sind.

Am nächsten Morgen steckte sie Hänsel in einen Käfig aus Eichenholz.

Jeden Tag kam sie und bat ihn den Finger herauszustrecken damit sie fühlen konnte ob er schon fett genug sei. Jeden Tag streckte Hänsel einen Knochen heraus den er im Stroh gefunden hatte. Jeden Tag nickte die alte Frau und sagte noch nicht und ging wieder.

Sie wusste von dem Knochen.

Sie hatte dieses Spiel mit hundert anderen Kindern gespielt. Hundert Mal denselben Knochen gefühlt, hundert Mal so getan als wäre sie getäuscht worden. Sie ließ es laufen weil das Warten die Kinder weich machte, und weil ein Kind das noch glaubt einen Ausweg zu haben ruhiger bleibt als eines das die Wahrheit kennt.

Nach vier Wochen sagte sie: „Heute wird gebacken."

Sie heizte den Ofen und bat Gretel hineinzuschauen ob er heiß genug sei. Gretel schaute und sagte sie wisse nicht wie man das prüfe. Die alte Frau seufzte und trat näher, beugte sich vor den Ofen — und in diesem Moment stand Gretel still.

Später, viel später, würde Gretel nicht sagen können warum. Vielleicht war es die Angst. Vielleicht war es etwas anderes, etwas das größer war als Angst und das sich auch nicht Mut nennen ließ, weil Mut in Märchen leichter klingt als er sich anfühlt wenn man wirklich dort steht, mit zitternden Händen, vor jemandem der schon hundert Kinder überlebt hat.

Ihre Hände bewegten sich nicht.

Die alte Frau richtete sich auf und drehte sich um. Sie sah Gretels Gesicht und lächelte — das Lächeln von jemandem der genau das erwartet hatte, der es immer erwartet hatte, bei jedem Kind das je vor ihr gestanden hatte.

„Ich wollte nur sehen ob du es versuchst", sagte sie.

Der Rauch der später aus dem Schornstein stieg war schwer und süßlich. Wer lange genug hinschaute sah darin zwei kleine Gesichter mit offenen Mündern, als hätten sie noch etwas sagen wollen.

Das Haus stand noch lange in der Lichtung. Es roch nach Zucker. Die Runen drehten sich im Wind.

Und es wartete weiter.

Und es wurde geschrieben:

„Die Eltern setzten sie aus.

Das Haus nahm sie auf.

Niemand suchte sie."

Seitdem gilt:

Wer isst was ihm nicht gehört, hat bereits bezahlt.

Er weiß es nur noch nicht.

Die wahren Bremer Stadtmusikanten

Es war einmal eine Katze mit drei Augen.

Das dritte saß zwischen den anderen, ein bisschen höher, ein bisschen dunkler, und sah Dinge die die ersten beiden nicht sahen und vielleicht auch nicht sehen wollten. Auf dem Hof wo sie lebte wurde sie gefürchtet, und was gefürchtet wird verschwindet irgendwann. In der Nacht bevor das geschehen sollte lief sie fort.

Auf dem Weg traf sie eine Ziege die zu eigensinnig war um noch in einer Herde zu laufen. Dann einen Eber der keinem Bauern mehr gehorchen wollte. Dann einen Gargoyle der am Rand eines alten Brunnens saß und so still war dass manche ihn für Stein gehalten hatten bis er aufstand und mitging.

Keiner von ihnen hatte einen Plan. Sie gingen einfach zusammen weil zusammen besser ist als allein und weil jeder von ihnen zu sonderbar geworden war für die Orte von denen er kam.

In der Nacht sahen sie ein Haus mit Licht in den Fenstern.

Drinnen saßen Räuber die aßen und tranken und lachten. Die Ziege kletterte auf den Gargoyle, der Eber stellte sich daneben, die Katze sprang ganz nach oben, und zusammen machten sie einen Lärm der nicht mehr nach Tieren klang. Die Räuber warfen die Stühle um und flohen in den Wald ohne sich umzudrehen.

Die vier gingen hinein und aßen was auf dem Tisch stand und legten sich schlafen.

Die Katze schlief nicht.

Sie saß am Fenster und sah mit ihrem dritten Auge die Räuber am Waldrand stehen. Sah wie sie berieten. Sah wie einer von ihnen zurückgeschickt wurde um nachzuschauen was dort drin wirklich war. Sie sagte nichts davon. Nicht weil es ihr gleichgültig war — sondern weil es Dinge gibt die man sieht und nicht aufhalten kann, und weil sie lange genug gelebt hatte um den Unterschied zu kennen.

Der Mann trat ins Haus.

Er sah die drei Augen der Katze leuchten und schrie. Der Eber warf ihn gegen die Wand. Die Ziege trat nach ihm. Der Gargoyle stand auf, langsam, und das allein reichte. Der Mann lief zurück zu den Räubern und erzählte ihnen von dem Ungeheuer das er gesehen hatte, und die Räuber glaubten ihm und zogen weiter in der Nacht.

Drei Tage lang schliefen die vier im warmen Haus.

Am vierten Tag kamen die Räuber zurück. Mehr diesmal, mit Fackeln und Äxten und der Entschlossenheit von Männern die sich geschämt haben und es nicht ein zweites Mal wollten. Die Katze hatte es kommen sehen. Hatte es die ganze Zeit kommen sehen, seit dem ersten Abend, und trotzdem nichts gesagt — weil manche Dinge kommen müssen bevor andere anfangen können.

Der Gargoyle stellte sich in die Tür.

Er stand so wie er immer gestanden hatte. Schwer, unbewegt, mit dem Gesicht eines Wesens das älter war als die Männer vor ihm und das noch da sein würde wenn sie längst vergessen waren. Die Räuber zögerten. Und in diesem Zögern sprang die Katze vom Dachbalken, mitten unter sie, mit allen drei Augen offen.

Was die Räuber darin sahen hat keiner von ihnen je beschrieben.

Aber sie liefen. Und diesmal kamen sie nicht zurück.

Das Haus gehörte den vieren. Nicht weil jemand es ihnen gegeben hatte — sondern weil sie das einzige waren das geblieben war. Sie lebten darin so wie Dinge leben die aufgehört haben sich zu erklären. Ruhig. Eigensinnig. Zu sonderbar für die Welt von der sie kamen.

Und es wurde geschrieben:

„Sie waren zu sonderbar für die Welt die sie kannte.

Also nahmen sie eine andere."

Seitdem gilt:

Wer zu viel sieht wird gefürchtet.

Wer gefürchtet wird, gewinnt am Ende.

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